Home Aktuell

Home Archiv

Korosec

Hos

Wichtiges in Wien

Politik

Kultur

Spätere Pension, aber bitte keine Schikanen!

Autor: Ingrid Korosec

Ingrid Korosec

Liebe Leserinnen und Leser, vielleicht haben Sie vor wenigen Tagen die Diskussion über eine Eindämmung der Frühpensionen verfolgt. Ich sage es offen: Ich bin auch dafür, dass wir länger im Arbeitsleben bleiben können. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen.

 

Die allgemeine Lebenserwartung bewegt sich in Richtung 85 Jahre. Davon vielleicht die letzten 30 Jahre, so ab 55, im Ruhestand zu verbringen, ist nicht wirklich aussichtsreich. Die Entscheidung zur Pension ist in den meisten Fällen unumkehrbar. Wer „draußen“ ist, merkt erst oft zu spät, dass sein Beruf nicht nur Last, sondern auch Bestätigung und Inhalt war. Für allein lebende Menschen ist das oft besonders wichtig. Pension bedeutet außerdem meist weniger Einkommen für den Rest des Lebens. Unser Sozialsystem kann es sich nicht leisten, dass sich so viele Menschen ohne triftigen medizinischen Grund in die Frühpension begeben. Ich begrüße daher alle Maßnahmen, die Menschen bis zum gesetzlichen Pensionsalter im Arbeitsprozess halten.

 

Aber ich bin strikt dagegen, jenen Menschen, denen die Ärzte bescheinigt haben, dass sie einen früheren Ruhestand brauchen, nachzuschnüffeln, ob sie wohl „wirklich“ krank sind. Kurz war das in der allgemeinen Debatte so angeklungen. Ich hoffe sehr, es ist vom Tisch. Wer etwa chronische Rückenschmerzen hat und deswegen keinen Beruf mehr ausüben kann, wo er stehen muss oder schwere Gewichte zu heben hat, hat unseren Schutz und unsere Solidarität verdient. Deswegen kann er oder sie längst noch mit dem Auto fahren. Viele Menschen sind auf ihr Auto angewiesen! In ländlichen Gebieten ist es oft weit bis zum nächsten Arzt, zum Postamt oder zum Supermarkt. Ohne Auto unmöglich. Diese Personen wegen des Führerscheins vor den Amtsarzt zu zitieren, nur weil sie um Frühpension angesucht haben, wäre eine echte Schikane.

 

Auch die Betriebe müssen erkennen, dass viele Beschäftigte rund um die 60 noch bestens für ihren Beruf geeignet sind. Wenn das Tor zur Frühpension, vielleicht durch Anreize für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, nicht mehr gar so verlockend ist, wird sich das Klima nach und nach ändern. Das Geschiebe in Richtung Pension wird nicht schon um den 55. Geburtstag einsetzen. Auch die jungen Kollegen werden lernen, ältere Menschen am Arbeitsplatz als selbstverständlich zu akzeptieren. Wir brauchen klare, auch finanzielle Anreize für die Beschäftigten. Leistung muss sich lohnen – und länger arbeiten auch. Damit würden die Beschäftigten und das Pensionssystem gewinnen.

 

ingrid.korosec@kronenzeitung.at