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Gesetz und gelebte Menschlichkeit

Autor: Ingrid Korosec


Eine öffentliche Einrichtung kann sich nicht  einfach darauf berufen, nach den Buchstaben des Gesetzes keine Fehler gemacht zu haben – gravierende, ja erschütternde Mängel können trotzdem vorliegen. Und für die hat man grade zu stehen und alles zu versuchen, dass derartiges nicht mehr vorkommt.

Vor kurzem wurde aus dem Wiener Hanusch-Spital – im Besitz der Wiener Gebietskrankenkasse  - ein solcher Fall bekannt. Ein Patient hatte sich dort einer kleinen Operation unterzogen und war als geheilt entlassen worden. In Wirklichkeit war aber schon damals klar, dass sein Leiden nicht harmlos war. Er hatte Darmkrebs.

Nur hat ihm diesen Befund niemand mitgeteilt. Es wurde ihm lediglich ein gewöhnlicher Brief nachgeschickt, mit der Aufforderung, die Ambulanz „zur Befundbesprechung“ noch einmal aufzusuchen. Durch einen unglücklichen Zufall erreichte ihn dieser Brief nie. Der Patient glaubte sich geheilt. Es verstrich mehr als ein Jahr, bis er wegen neu aufgetretener Beschwerden das Spital wieder aufsuchte. Mittlerweile war der Krebs bereits weit fortgeschritten, Heilung scheint nicht mehr möglich.

Das Spital „bedauert“, die Wiener Gebietskrankenkasse als Spitalserhalter ließ wissen, es sei „noch nicht geklärt, ob tatsächlich eine Verschulden des Hauses vorliegt’“. Man sei gesetzlich nicht verpflichtet, derartig ernste Verständigungen eingeschrieben zu senden.

Unsereiner ist fassungslos über die Haltung, die hinter einer solchen Antwort steht. Und damit wird aus dem tragischen Einzelfall ein generelles Problem. Man stelle sich vor, ein Unternehmen oder auch ein Politiker hätte sich eine solche Fehlleistung gestattet und danach öffentlich so kühl reagiert.  Das hätte zu Recht Empörung ausgelöst. Aber unsere Sozialbürokratie hat kein Interesse daran, auf Einzelschicksale einzugehen.

Was ist das für eine Einstellung, Patienten solch gravierende Mitteilungen nicht von vorneherein nur persönlich und in einem schonenden und beratenden Gespräch mitzuteilen?  So ist der Hauptfehler passiert. Danach hätte man energisch versuchen müssen, den Patienten zu finden, ihn anzurufen. Hinfahren hätte man müssen, auch wenn der „Dienstweg“ derartiges nicht vorsieht!

Jeder, der im ärztlichen Dienst arbeitet, muss wissen, dass er die menschliche Verpflichtung hat, alles zu unternehmen, um Schaden von den Patienten abzuwehren. Jede Spitalsverwaltung und jeder Abteilungsleiter hat den Mitarbeitern das täglich vorzuleben. Jetzt  per Gesetz festzulegen, dass nur mehr Einschreibbriefe gesandt werden dürfen, ist zwar richtig geht aber am Problem vorbei. Es geht um die Einstellung, die kann leider kein Gesetz vorschreiben.


ingrid.korosec@kronenzeitung.at