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Traude Veran - aktives Künstler-Leben mit 69 Jahren

...und das "Steinerne Archiv"


Die Morgensonne bescheint die Vorderseite der Grabsteine des alten Judenfriedhofs in der Rossau, weil die Gräber nach Osten ausgerichtet sind. Im angrenzenden Pensionisten-Wohnhaus lebt seit mehr als drei Jahren Dr. Gertraud Schleichert im dritten Stock - nordseitig mit Blick auf den Gräberhain.
Die pensionierte Schulpsychologin, mit dem Künstlernamen "Veran" und der Seele einer Lyrikerin, schreibt und veröffentlicht mit voller Kraft und aus ganzem Herzen, was sie vor dem Ruhestand nur so beiläufig tun konnte. Ihr neues Buch, erschienen im Madelbaum-Verlag, über das einzigartige kulturhistorische Denkmal, ist gründlich recherchiert und bietet einen Spaziergang durch das Gräberfeld.

Es erzählt wie nebenbei die 800-jährige Geschichte der Wiener Juden und enthält eine Dokumentation aller erhaltenen Steine, die bis ins 13. Jahrhundert zurück reichen.

Kinderpsychologie und Erwachsenenbildung
Die Autorin ist im Jänner 1934 in Wien geboren und musste sich ihr Studium selbst erwirtschaften. Nach langen Berufsjahren als Kinderpsychologin und Erwachsenenbildnerin hat sie sich in dieses Pensionisten-Wohnhaus zurückgezogen, in dem sie schon mit 60 angemeldet war.

Nun ist sie also nach Lyrik (genau am 6.April 1945 hat sie ihr erstes Gedicht geschrieben), über viel Fachliteratur währen ihrer Berufslaufbahn und Kurzprosa zur Geschichte gekommen. Nach Judenfriedhof und einem Jubiläumsbuch zum 20-jährigen Bestehen ihres Wohnheims arbeitet Veran nun an einer historischen Aufarbeitung der Rossau. Nahezu eine zwingende Reihenfolge.

Fast alle Werke Verans haben in den vergangenen zehn Jahren das Licht der Welt erblickt. Sie hat zwar während ihrer aktiven Zeit Gedichte und Kurzprosa verfasst und Lesungen abgehalten, aber für mehr hat die Zeit nicht gereicht - also Schublade.

Goldenes Ehrenzeichen der Republik Österreich
Die "aktive" Zeit hat sie in Deutschland und die vergangenen 17 Jahre wieder in Österreich verbracht. Wobei sie z. B. als Schulpsychologin in Oberwart das Modell für eine Integrationsklasse entwickelt hat und für das Projekt mit dem "Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich" ausgezeichnet worden ist.

Die Damen bekommen bei diesem Anlass ein Mascherl, das man nicht so leicht tragen kann, also hängt es über ihrem raumbeherrschenden Arbeitsplatz mit Flachbildschirm, Drucker, Arbeitsunterlagen und Wasserkrug (die Ergotherapeutin des Hauses predigt das Wassertrinken).

Ansonsten ist die zierliche Dame Teetrinkerin und Kurzschläferin. O-Ton: Als Junge war ich immer schläfrig, jetzt´ hätt´ ich Zeit zum Schlafen und brauch´ es nicht mehr. Fünf Stunden sind reichlich. Abends ist Frau Schleichert nicht belastbar, aber nach Mitternacht ist sie wieder wach und labt sich an einer Kombination von Früchtetees mit Orangen oder Zitronen und Honig. Wenn sie sich nicht wohl fühlt, schlürft sie eine Tasse Suppe, und es geht ihr wieder gut.

Und sie liest in der Stille der Nacht einen Krimi, der ihren Kopf nicht belastet, und den sie in der Früh wieder vergessen hat. Ihr Statement: Es hat was, hier zu leben. Und wenn man keine begeisterte Hausfrau ist, hat es sogar sehr viel.

Klingt beinahe nach alleinstehender Frau. Laut Eigendefinition ist sie jedoch seit 27 Jahren unverheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und ein Enkelkind. (Aber: Mein Privatleben geht niemand etwas an.)

Jedenfalls war die Sache mit Tschechien so, dass sie sich nach dem Erwachsenwerden der Kinder auf ein halbes Jahr in dieses billige Land zurückgezogen hat, um dort das Buch über Kinderpsychologie - Von der Fallarbeit zur sozialpolitischen Arbeit - zu schreiben.

Natürlich hat sie sich die Landessprache angeeignet, und seither übersetzt sie auch gelegentlich.

Ganz deutlich spiegelt der geflügelte "Hermes" in ihrem Zimmer, worum es Veran immer gegangen ist. Sie hat die Statue von der Stadt Tatzmannsdorf bekommen. Ein Literaturpreis als Symbol für bewegliche Lebensart. Die letzten beiden Wörter treffen genau ins Schwarze.

Symbol für bewegliche Lebensart
Dazu gehört auch: Dass z.B. eine burgenländische Komponistin Gedichte von Traude Veran vertont hat. Es gibt davon sogar zwei CDs im Fachhandel: "Pendlerlieder" und "Raabsommer".

Dass sie auch serbische Gedichte übersetzt und herausbringt, dass sie einer blinden Kollegin im Wohnheim mit Begeisterung zur Zeit Marlene Haushofer vorliest, bis sie heiser wird und hustet.

Dass sie Schriftleiterin bei der literarischen Gruppe "Ellipse" ist, das digitale Thema in einem ganzen Buch "für Analphabeten" verarbeitet, "Limericks aus Wien" zu gekennzeichneten Kontaktanzeigen eines Künstlerfreundes geschrieben hat... und aus einer Karotte eine Salatplatte machen kann.

Genügt das als Abriss einer Biografie? Aber wer weiß, was da noch alles kommen wird...